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2. September 2022, 14:15 Uhr | 音频为人工生成

© Sean Gladwell/Getty Images

        © Sean Gladwell/Getty Images

Durch die Energiekrise drohen hierzulande immer mehr Knappheiten. Das rüttelt auch an den psychologischen Grundfesten der Marktwirtschaft.

Von Nils Markwardt

In der Serie "Politisch motiviert" ergründen unsere Autorinnen und Autoren politische Themen der Woche. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 36/2022.

Einkaufen zu gehen, das hieß vor allem: Schlange stehen. Ob man nun für Käse oder Petroleum anstand, es ging, wenn überhaupt, nur schleppend voran. Manchmal hinterließen die Menschen stellvertretend einen Stein, eine Dose oder einen leeren Kanister in der Schlange, um sich selbst derweil woanders einzureihen. Dieses Stellvertretersystem brachte wiederum Konfliktpotenzial mit sich. "Die Leute stritten erbittert über ähnlich aussehende Steine, über Einkaufsnetze, die irgendwer frech durch einen Sack ersetzt hatte, und über Petroleumkanister, die plötzlich doppelt so groß waren wie zuvor."

In ihrem kürzlich erschienenen Buch Frei – Erwachsen werden am Ende der Geschichte beschreibt die heute in London lehrende Politikwissenschaftlerin Lea Ypi so das Einkaufserlebnis im sozialistischen Albanien der Achtzigerjahre. Millionen Deutschen, die in der DDR aufgewachsen sind, dürfte das bekannt vorkommen. Vieles gab es gar nicht, anderes oft nur mit Wartezeit. Bei einem Trabant konnten schon mal 15 Jahre vergehen.

Dementsprechend gehörten die vollen Regale des Westens zu den größten Trümpfen während der Blockkonfrontation. Im Gegensatz zur Planwirtschaft lieferte die Marktwirtschaft zuverlässig ab und aus. Das hatte zwar buchstäblich seinen Preis, benötigte aber keine privaten Beziehungen. Brauchte es im Sozialismus allzu oft Vitamin B, gilt im Kapitalismus die Faustformel: Was man mit Geld nicht kaufen kann, kann man mit viel Geld kaufen.

Als Systemsiegerin über die sozialistische Mangelwirtschaft besteht das Kernversprechen der Marktwirtschaft deshalb vor allem in einem: volle Verfügbarkeit. Folglich kratzen Lücken im Sortiment aber auch an ihrem Ruf. Und derlei Lücken gab es in den letzten Jahren immer mehr. Wurde durch die Pandemie zunächst das Klopapier knapp, brachen sodann globale Lieferketten, iPhones kamen plötzlich nicht mehr so schnell bei den Käufern an, wie die es gewohnt waren. Die aktuelle Energiekrise könnte zu noch größeren Verwerfungen führen. Brauereien oder Papierhersteller fürchten Engpässe, schlimmstenfalls könnte mancherorts das Licht ausgehen und die Heizung kalt bleiben.

Das wäre zuvorderst ein existenzielles Problem für die Betroffenen. Es würde aber auch an den Grundfesten der Marktwirtschaft rütteln. Denn in ihr soll Mangel stets eine Sache individueller Verantwortung bleiben: Wenn du dir was nicht leisten kannst, musst du eben sparen oder mehr verdienen. Selbst wenn man diesen Mechanismus nicht als Ausweis von Leistungsgerechtigkeit sieht, sondern darin die große neoliberale "You can get it if you really want"–Lüge erkennt, muss man zumindest zugestehen: Sie funktioniert.

In dem Moment jedoch, in dem der Mangel objektiv wird, die Produktion also selbst nicht hinterherkommt, avancieren leere Regale und Gasspeicher aus liberaler Warte zu Lücken, die der Teufel lässt. Denn dann kommt der Markt als Verteilungsmechanismus an seine massenpsychologischen Grenzen. Angesichts drohender "Jahre der Knappheit" (Christian Lindner) ließe sich theoretisch zwar fordern: Gas, Strom und Bier im Zweifelsfall nur für jene, die sich's leisten können. Doch wissen selbst Die-Hard-Liberale, dass sich das praktisch nicht mehr als Leistungsgerechtigkeit verkaufen ließe.

Das wiederum führt insbesondere die FDP in ein ideologisches Dilemma. Lehnt man dort die beiden alternativen Steuerungsmechanismen – dirigistische Eingriffe des Staates einerseits, moralische Appelle zur individuellen Verhaltensregulierung andererseits – doch gleichermaßen ab. Sie hat in den letzten Jahren die Warnung vor einer vermeintlichen Moraldiktatur medial so hochgejazzt, dass sie sich über Habecks Duschempfehlungen oder Kretschmanns Waschlappen-Lob geradezu zwangsläufig empören muss.

So haben sich Kubicki und Co. den aus liberaler Sicht eigentlich verträglicheren Weg verbaut, mit dem Mangel ideologisch umzugehen. Weil man moralische Verzichtsappelle ablehnt, muss man nun die einzig verbleibende Alternative, staatsdirigistische Eingriffe, mittragen. Das ist die paradoxe Pointe. Auch Liberale stimmen jetzt für das Heizverbot von privaten Schwimmbädern. Dass man sich auch mit viel Geld nicht mal mehr einen warmen Swimmingpool kaufen kann, dürften Teile der FDP-Kernklientel indes fast als Planwirtschaft empfinden. Aber so lange die Liberalen keine andere Antwort auf den Mangel haben, werden sie das bisschen Sozialismus wohl ertragen müssen.

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